Filmempfehlung: Her

Liebe kennt bekanntlich viele Wege, viele verrückte Wege. Theodore Twombly (Jaquine Phoenix) steckt gerade in solch einer skurrilen Situation fest. Während seiner täglichen Arbeit schreibt der introvertierte und kontaktscheue Romantiker hoch emotionale Briefe voller Gefühl und Poesie für eine Firma, deren Serviceleistung es ist diese Briefe und Grußkarten im Auftrag Ihrer Kunden an Andere zu verschicken.

Lauflänge: 130 Minuten | Jahr: 2013 | Regisseur: Spike Jonze
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(Stand 29.11.2016)

Und auch die sozial immer stärker verarmende Gesellschaft in der Theodore sich tagtäglich nur schwer zurecht findet, ist für seine ausgeprägte Empathie immer weniger von Bedeutung geworden – überall haben die Menschen sich mehr und mehr durch die digitale Revolution in eine körperlose Welt zurückgezogen und scheinen den Konakten in Ihrem Smartphone mehr Bedeutung zu schenken als Ihren realen Freundschaften.

In seiner Freizeit spielt Theodore gerne Videospiele, trifft sich sporadisch mit seiner Nachbarin und guten Freundin Amy (Amy Adams) und versinkt in seiner Wohnung immer stärker in Melancholie und Antriebslosigkeit.
Was Theodore aber völlig aus der Bahn wirft ist die zurückliegende Trennung seiner Jugendliebe und Noch-Ehefrau Catherine (Rooney Mara), einer liebevollen und intelligenten Frau, welche Theodores Sinn für Humor und Romantik geliebt, aber mit seiner Scheu vor Konflikten stets ein großes Problem hatte. Nun warten die Scheidungspapiere darauf von ihm unterzeichnet zu werden – durchringen zu diesem finalen Schritt konnte Theodore sich allerdings noch nicht. So schlendert der Einzelgänger gedankenverloren tagein tagaus durch sein tristes Leben, schwelgt in alten Erinnerungen und versucht krampfhaft zu retten was nicht mehr zu retten ist.

Eines Tages lernt Theodore den charmanten, witzigen und hoch intelligenten Charakter Samantha kennen (Scarlett Johannsen). Schnell wird aus aus der anfänglichen Plauderei eine innige, auf Respekt und Verständnis basierende Verbindung mit tiefergehenden Gesprächen und charmanten Witzeleien. Für Theodore beginnt nun endlich der lang ersehnte Neuanfang in seinem zuvor so sinnlos erscheinenden Leben. Langsam findet er zu seinem alten, verspielten Ich zurück und erlebt jeden Tag aufs neue spannende Momente mit Samantha. Doch leider hat die ganze Sache einen ganz großen, nicht zu unterschätzenden Haken: Samantha ist kein Mensch, sondern ein Betriebsystem.

Spike Jonze, der Regisseur mit dem Hang zu skurrilen Geschichten (Adaption, Being John Malkovich) zeigt in seinem Oscar prämierten Film „Her“ auf fast schon erschreckend elegante Art und Weise eine interessante Parabel über die Existenz unserer Gesellschaft in Verbindnung zu Ihrer sich ständig weiter entwickelnden Technik. Direkte Kommunikation und körperliche Nähe verlieren in seiner Geschichte, wie auch in unserer eigenen Welt immer mehr und mehr an Bedeutung. Und so werden uns 130 Minuten lang viele philosophische Fragen über das Leben, die Liebe und unsere eigene Existenz in Verbidnung mit der technischen Revolution in einer Intensität und Geschmeidigkeit um die Ohren gehauen, wie man es nur selten zuvor in einer tragischen Liebeskomödie erlebt hat. Theodore lebt dabei in einer Welt, die unserer sehr ähnlich ist. Hier existieren keine Science Fiction Klischees wie schwebende Fahrzeuge oder in kaltes Licht eingehüllte Großstädte – vielmehr präsentiert uns der Film eine elegante, auf Design und Ordnung ausgelegte Vision der Zukunft, die durchaus in den nächsten 20 Jahren Wirklichkeit werden könnte. Alles wirkt vertrauensvoll, familiär, normal. So können wir uns als Zuschauer schnell in der Welt von Theodore und Samantha zurechtfinden und werden dabei sehr behutsam an die zunächst bizarr wirkende Geschichte der Beiden herangeführt. Interessanterweise wird die Abhängigkeit der Gesellschaft zu Ihren kleinen, technischen Spielereien bei „Her“ auf die Spitze getrieben, ohne dabei auch nur ein einziges mal albern oder plakativ zu wirken.

Theodore verliebt sich als einsamer, gebrochener und hoch emotionaler Mann in eine lebensbejahende, humorvolle und sehr sensible künstliche Intelligenz. Der Zuschauer fühlt zwei Stunden lang gebannt mit und wird am Ende des Films seinen Standpunkt zur Ihm allumgebenden Technik noch einmal überdenken müssen – garantiert.

Jakob Baranowski