Filmempfehlung: Whiplash – Hier spielt die Musik

Worum geht es in Whiplash?

Besitzt du ein spezielles Talent, eine interessante Begabung? Etwas, dass du einfach gut kannst? Ich bin mir ziemlich sicher, dass du meine Frage schnell mit einem klaren „Ja“ beantwortet hast.

Wahrscheinlich mehrmals. Und du hast auch allen Grund dazu, besitzt doch jeder Mensch irgendwo besondere Fähigkeiten und Stärken, die uns auszeichnen und auch gerne mal bei Bewerbungen erwähnt werden, um sich – du weisst schon – ein bisschen von der Masse abheben zu können.

Schließlich müssen wir uns täglich durch unsere Qualitäten und Charaktereigenschaften definieren lassen, sei es in der Arbeitswelt, im Alltag oder auf der langen Suche nach dem richtigen Partner.

Lauflänge: 107 Minuten | Jahr: 2014 | Regisseur: Damien Chazelle
Folgende Streams verfügbar: Amazon Prime
(Stand 29.11.2016)

Ständig wird analysiert und verglichen. Dabei ist der Anspruch an jeden von uns enorm, Multitaskingfähigkeiten liegen hoch im Kurs, ein starker Charakter ist gerne gesehen.

Doch wie sieht es mit dem persönlichen Anspruch, fernab von Karrieredruck und gesellschaftlichen Erwartungen, aus? Wie hart würdest du an dir selbst arbeiten wollen, um etwas ganz Großes zu erschaffen? Am Ende ist der wichtigste Kampf in unserem Leben doch nur ein Kampf gegen unsere eigene Motivation, der härteste Gegner sind nur wir selbst.

Wie stark würdest du für den eigenen Erfolg kämpfen wollen, um diesen inneren Schweinehund endlich besänftigen zu können? Oder anders gefragt: Wie hoch wäre dein Preis für die vollkommene Selbstverwirklichung?

Willkommen bei Whiplash!

Zitternd sitzt der 19-jährige Schlagzeuger Andrew Neiman mit knallrotem Gesicht vor seinem Schlagzeug, Mund und Augen weit aufgerissen. Schweiß läuft ihm das Gesicht herunter, bald schon werden Blut und Tränen folgen. „Warst du zu schnell oder zu langsam?“ brüllt der Professor und Studioleiter Terence Fletcher der Shaffer Musikhochschule seinen neuen Schüler an, nachdem er wutentbrannt einen Stuhl in dessen Richtung geworfen hatte.

Während Andrew geschockt überlegt, ob er das Stück zu schnell oder eher leicht schleppend gespielt hat, umklammern die anderen Studenten angespannt ihre Instrumente und warten auf die Reaktion des Frischlings. Andere schauen einfach nur unterwürfig auf den Boden. Sie kennen die tyrannischen Methoden ihres narzisstischen Mentors nur zu gut. Denn nur die absolut besten Musiker dürfen in seiner Band mitspielen und ihr Talent bei Veranstaltungen und Wettkämpfen der Öffentlichkeit präsentieren.

Schließlich hat Terence Fletcher, einer der angesehensten Professoren der Schule, einen guten Ruf zu verlieren. Und keiner seiner Schüler wird diesen auf’s Spiel setzten.
Andrew überwindet sich und stammelt seinem Lehrer entmutigt eine Antwort entgegen. Fletcher ist nicht zufrieden, geht daraufhin wutentbrannt auf seinen Schüler los und prügelt in völliger Raserei mit Spott und Hohn auf sein neues Opfer ein.

Für den 19-Jährigen beginnt in diesem Moment ein neuer Lebensabschnitt. Andrew, der bereits von Kindheit an erfolgreich am Schlagzeug sitzt und sich selbst als musikalisch sehr talentiert ansieht, ist schockiert. Für ihn war es zunächst eine Ehre, unter die Fittiche des großen Terence Fletcher zu kommen und in seiner hochgeachteten Band spielen zu dürfen.

Er träumte schon lange von einer großen Karriere als Schlagzeuger, will es seinem großen Vorbild, dem Jazz-Schlagzeuger und Bandleader Buddy Rich, nachmachen. Doch Andrew muss nun erkennen, dass der Weg bis ganz an die Spitze nur mit harter Arbeit und vielen Qualen zu meistern ist. Denn Terence Fletcher verlangt nichts weiter als die absolute, unmenschliche Perfektion. Ein höchst interessantes Psychoduell zwischen dem Sadisten Fletcher und seinem talentierten Schüler Andrew hat begonnen.

Hintergrundinformationen zum Film:

Der Schauspieler J.K. Simmons mag der Allgemeinheit nicht wirklich bekannt sein, möglicherweise kennen ihn einige Filmfans noch als den rücksichtslosen, aber durchaus lustigen Chef von Peter Parker aus den älteren Spider-Man Filmen. Doch mit dem Musikdrama Whiplash aus dem Jahr 2014 katapultierte sich der 60-jährige Amerikaner mit seiner famosen schauspielerischen Leistung über Nacht in die Riege der Top Schauspieler und konnte neben zahlreichen Auszeichnungen sogar einen Oscar als bester Nebendarsteller einstreichen. Simmons spielte auch in dem gleichnamigen 18-minütigen Kurzfilm ein Jahr zuvor die Rolle des tyrannischen Professors, nur so konnte der Regisseur und Autor Damien Chazelle potenzielle Produzenten von seinem Skript überzeugen. Die Idee ging auf, Chazelle erhielt 3,3 Millionen Dollar für die Verwirklichung des Hauptfilms und konnte diesen in nur 19 Tagen abdrehen. Als Belohnung gab es dann auch 3 Oscars, unter anderem für den besten Schnitt und das beste Sound Mixing.

J.K. Simmons Schüler und Gegenspieler wird im Film vom 28-jährigen Miles Teller verkörpert. Teller, der zuvor schon in kleinen Nebenrollen aufgefallen war und auch im echten Leben ein erfahrener Schlagzeuger ist, erhielt ebenfalls, wie sein Kollege Simmons, zahlreiche Auszeichnungen – der Oscar blieb ihm allerdings verwehrt.

Fazit:

Normalerweise ist es selten, dass ein relativ aktueller Film sofort in meine Top 100 Liste der besten Filme aufgenommen wird. Doch das Angebot an „guten“ Kinostreifen ist leider relativ überschaubar geworden.

Je älter ich werde, desto weniger kann ich mich für die aktuellen Filme noch begeistern. Die Magie des Kinos von damals, wo man als Kind noch mit großen Augen auf die Leinwand starrte, ist mit der Zeit allmählich verflogen. Vielleicht gehört so etwas zum Älterwerden einfach dazu.

Heute greife ich dann doch lieber zu älteren Streifen, schließlich gibt es dort diese nie enden wollende Auswahl an „Klassikern“, Filme, die man einfach gesehen haben muss.

Dies ist natürlich alles nur meine persönliche Meinung, doch nur sehr wenige Filme konnten mich in den letzten Jahren mal wieder so richtig fesseln. „Birdman“ zum Beispiel war eine kleine Offenbarung, „Mad Max“ wiederum eine kompromislose Hommage an das Actionkino der 80er Jahre – daran hatte sich auch Silvester Stallone mit seiner „Expendables“-Trilogy versucht und ist leider kläglich gescheitert.

Doch Whiplash war nach langer Zeit wieder eines dieser faszinierenden Kinoerlebnisse und zählt für mich auch nach mehreren Sichtungen weiterhin zu Hollywoods besten Filmen der letzten Jahre.

Ist es nicht die Pflicht eines jeden Menschen, sein Potenzial vollkommen auszuschöpfen, für seine Talente zu kämpfen, egal wie sehr es auch schmerzt?

Whiplash konfrontiert den Zuschauer 107 Minuten durchgehend mit diesen Fragen, driftet dabei aber nie in die Belanglosigkeit ab und hält die Spannungskurve konstant hoch. Die dargestellte Polarität, also das Verhältnis von gegensätzlichen Paaren, die dennoch untrennbar zusammen gehören, ist der Hauptbestandteil von Whiplash und spiegelt sich in der Beziehung von Schüler und Lehrer wider.

So wie der Drill Instructor aus „Full Metal Jacket“ seinen Soldaten Private Paula einer Gehirnwäsche unterzieht, so stellt auch Terence Fletcher das Leben seiner Schüler völlig auf den Kopf. Er ist bei seiner Arbeit gnadenlos, zeigt weder Reue noch Mitleid und versucht Andrews Talent regelrecht aus ihm herauszupressen.

Denn nur so können, laut Fletchers eigener Aussage, die Menschen über sich hinauswachsen, nur so findet man die echten Genies dieser Welt. Dass dabei ganze Persönlichkeiten, ganze Existenzen zerstört werden könnenn, sieht er als Mittel zum Zweck.

Der junge Andrew hingegen verliert sich dabei mehr und mehr in Fletchers sadistischer Tyrannei, kämpft bis zur völligen Erschöpfung für seinen Traum und trifft im Laufe des Films mehrere folgenschwere Entscheidungen.

Stellt man sich als Zuschauer dabei auf die Seite von Terence Fletcher, der durch seine Unmenschlichkeit alles aus seinen Schülern herausholen will? Oder tendiert man eher zu Andrew, der für seine Selbstverwirklichung seinem Mentor blind zu folgen scheint? Der Film liefert darauf keine konkreten Antworten, gibt sich nicht mit billiger Schwarz-Weiß-Malerei zufrieden und lässt den Zuschauer nach dem hochexplosiven Finale mit vielen offenen Fragen zurück.

Das intensive Gegenspiel von J.K. Simmons und Miles Teller, der kraftvolle Soundtrack und ein aufwühlendes Drehbuch machen diesen Film zu etwas ganz Besonderem. Whiplash knallt einem ins Gesicht wie der namensgebende Peitschenhieb: intensiv, hart, schmerzvoll.

Thorsten Kreuzenbeck
Seit 2011 Teil des Teams und hauptverantwortlich für den Kundenservice. Betreut nebenbei auch die Social Media Kanäle. Bevorzugt Apple Geräte zur Koordination der verschiedenen Arbeitsabläufe, ist berufsbedingt jedoch auch mit den anderen Herstellern vertraut. In der Freizeit überwiegend am PC oder der Playstation unterwegs, zudem ein absoluter Film- und Serienjunkie.
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Autor: Thorsten Kreuzenbeck

Seit 2011 Teil des Teams und hauptverantwortlich für den Kundenservice. Betreut nebenbei auch die Social Media Kanäle. Bevorzugt Apple Geräte zur Koordination der verschiedenen Arbeitsabläufe, ist berufsbedingt jedoch auch mit den anderen Herstellern vertraut. In der Freizeit überwiegend am PC oder der Playstation unterwegs, zudem ein absoluter Film- und Serienjunkie.